12. Aus der Zeit gefallen
Lotti brauchte eine Weile, in der sie vor sich hinstarrte und tief in Gedanken versunken war, ehe sie ihre Erzählung begann:
"Ich habe seit jungen Jahren hier gelebt. Ich lernte einen jungen Mann kennen, wir waren noch sehr jung, gerade zwanzig. Wir verliebten uns auf den ersten Blick ineinander, heirateten und kauften dieses Haus. Wir wollten nie woanders leben. Vor mehr als zehn Jahren starb mein Harold," sie sah sich auf die Hände, und ihre Augen waren voller Tränen, doch sie fuhr unbeirrt fort, "und unsere beiden Kinder... Eines starb sehr jung. Kaum fünf Jahre alt war Archie, als er von uns ging. Unser zweites Kind, Margaret, war noch eine Weile nach Harolds Tod um mich herum. Sie lebte in dem oberen Zimmer, und manchmal brachte sie Tiere mit nach Hause. Sie füllte das Haus mit Leben, sie war so fröhlich und lebenshungrig. Aber sie war schwer krank, schon von Jugend an. Vor vier Jahren dann verstarb auch sie... Nur die Katze, die sie zu sich genommen hatte, blieb mir von ihr."
Lotti schluchzte und schneuzte sich. Ihre Lippen bebten vor Kummer. Matty kletterte auf ihre Schulter, um ihre Wange zu lecken, Gigi drückte sich fest an ihren Unterarm, der auf dem Küchentisch lag, und Arton ergriff gerührt ihre Hand und drückte sie sanft. Auch Bippy nahm eine Hand und streichelte verständnisvoll ihren Handrücken. Lotti warf ihnen allen einen dankbaren Blick zu.
"Dann... nun dann kam die große Katastrophe, die die Erde zu dem machte, was sie jetzt ist. Alles wurde zerstört. Es gibt nur wenige Orte wie diese, die so gut wie nichts abbekommen haben. Und da mir nichts geschehen ist, blieb ich. Vorletztes Jahr schließlich, als ich kaum noch Hoffnung hatte und mich so einsam fühlte wie nie zuvor, erschien in der Heiligen Nacht plötzlich ein schick gekleideter Mann, hochgewachsen und mächtig, mit einem schönen weißen Bart. Er ließ sich bei mir am Kamin nieder und erzählte mir von seiner Welt. Er nannte sich Niki und berichtete davon, das es noch Wunder gäbe, und ich den Glauben an das Gute nicht verlieren dürfe. Er brachte mir die Hoffnung zurück, das war sein Geschenk an mich. Und seitdem sehe ich Dinge, die ich nie im Leben zuvor habe sehen können."
Lotti hielt inne. Sie nahm einen kleinen Schluck Tee und sagte, die Tasse hin- und herschwenkend:
"Da fehlt ein bißchen was."
Die Reisegefährten verstanden nicht, doch Arton zwinkerte ihr zu. Aus seiner Hosentasche zog er ein kleines, von verziertem Metall ummanteltes Trunkfläschlein. Er goß einen winzigen Schluck in Lottis Tasse. Erwartungsvoll süffelte sie einen Schluck und warf Arton mit einem Nicken ein Lächeln zu.
"Oh ja, schon viel besser!" sagte sie mit freudigem Unterton. "Ich habe seit Nikis Besuch Dinge gehört und gesehen, die mir mein Leben lang fremd waren: ich sah, wie ein Printenmännchen lebendig wurde. Und ich hörte meine Katze mit mir sprechen. Sie sprach eine seltsame Sprache, etwas das vertraut klingt, aber das man nicht verstehen kann. Und ich sah ebenso, wie die Zeit manchmal anders lief, als sie laufen sollte."
Es dauerte einen Moment, doch dann begriff Bippy:
"Du bist aus der Zeit gefallen! Deshalb kannst du uns sehen!"
Lotti sah ihn erstaunt an.
"Das alles ist schon so lange her, liebe Lotti, die Zerstörung der Erde liegt Jahrzehnte zurück. Das Geschenk, das du von Niki in der Nacht bekommen hast, war nicht allein die Hoffnung, es war auch die Gabe, Zeit anders wahrnehmen zu können!"
"Du kennst Niki?" wollte Lotti verblüfft wissen und wedelte mit ihrer Tasse vor Artons Gesicht. Dieser schenkte ihr mit einem Grinsen, das selbst durch seinen Bart zu sehen war, einen etwas größeren Schluck aus seinem Trinkbehältnis ein. Lotti trank die Tasse auf einen Zug leer.
"Ups," antwortete Bippy ihr und sah verlegen auf den Esstisch, "ich hatte wohl vergessen zu erwähnen, das wir aus der Weihnachtswelt kommen."
"Ja, hast du," lachte Lotti. "Dann werde ich mit euch kommen! Mich hält hier nichts mehr!"
Sie klang so entschlossen, das auch Bippy sich nicht zierte.
"Gut, aber zuvor müssen wir dein Haus absuchen. Vielleicht ist Mattys Brüderchen noch hier."
"Doch zuvor -" Lotti hob ihre Tasse zum Gruße, "ein Dankeschön an Niki da oben, der euch zu mir gesandt hat!"
Auch Bippy und Arton erhoben ihre Tassen, stießen mit ihr an und nahmen einen Schluck des bekömmlichen Tees.
"Nun ja, nicht direkt zu dir..." druckste Bippy etwas verlegen. Doch Lotti nahm ihm zwinkernd die Worte aus dem Mund:
"Ich weiß, mein Lieber, das es hierbei nicht um mich geht. Und dennoch seid ihr hier. Das ist doch das schönste Geschenk von allen!"
Tief in sich spürte Lotti die Traurigkeit über den Verlust ihrer Familie. Selten waren die Erinnerungen so intensiv wie heute Nacht, hatte sie doch über all die vielen Jahre gelernt damit zu leben. Doch jetzt, da diese lieben Wesen in ihr Leben getreten waren, schmerzte sie die Tatsache umso mehr, das sie niemanden mehr um sich hatte, den sie einst so liebte. Doch, so sagte sie sich, es galt nun zu neuen Ufern aufzubrechen. Und dafür war sie mehr als bereit!
"Dann wollen wir man suchen gehen!", sagte sie und erhob sich mit einem selbst ihr unbekannten Elan.
Nachdem sie erfolglos ein Zimmer nach dem nächsten durchsucht hatten war es an der Zeit, zum nächsten Standort zu fahren. Doch natürlich erst, nachdem Lotti sich passende Reisekleidung angezogen hatte. Das man nicht fror, wenn man aus der Zeit gefallen war - weder im Schlitten noch sonstwo - naja, also ehrlich! Wer soll sowas schon wissen? Übrigens erging es Frank andersherum ebenso: er schmolz nicht, gleich wie warm es irgendwo war. Das wäre ja auch ein Ding gewesen!

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